4. Tag Citalopram - nach einem bemerkenswerten Tag
Gestern, nachdem ich den letzten Artikel veröffentlicht habe, hatte ich ein Chat-Gespräch mit einer befreundeten, jungen Ärztin, die gerade erst fertig geworden ist mit dem Studium. Ich habe ihr schon seit längerem wegen meines jetzigen Tiefs geschrieben und sie hat mir echt gute Tipps geben können. Irgendwann aber hat sie angefangen, mich diese kranken Sachen zu fragen... A la: "schaffst du es, eine Woche ohne Deine Freunde allein zu sein?" und ich antwortete ehrlicherweise mit nein. Klar kann ich mal alleine sein, wenn ich Lust dazu habe oder es die Arbeit einfach erfordert. Aber selbst dann nehme ich mir auch die Zeit und rede irgendwann mal mit jemandem. Ich frage mich: Warum sollte jemand dringend alleine sein wollen? Was ist der psychologische oder physiologische Wert dahinter? Warum sollte man denn bitte allein sein können - gezwungenermaßen? Ist nicht Isolierhaft eine umstrittene Sonderstrafe für Häftlinge? Sogar eine Art Folter? Der Mensch ist ein soziales Wesen, wobei jeder individuell ist. Ich kenne Menschen, die ich sehr sehr lieb habe, die z.b. es vorziehen, mehr alleine zu sein. Die sogar ihren langjährigen Partner ohne weiteres für 3-6 Monate hier zurücklassen, um ein Auslandssemester zu machen oder einem Job auf den karibischen Inseln nachzugehen. Denen gehts dabei super (was ich nicht nachvollziehen kann), aber so unterschiedlich sind die Menschen!
Und es KOTZT mich so DERMASSEN an, wenn immer wieder irgendwelche dahergelaufenen Leute MIR vorschreiben wollen, wie viel Zeit ich ALLEINE verbringen soll! Ich habe meine kleinen Traumata, was alleinsein angeht, die nicht. Für mich ist die Vorstellung der Isolation das SCHLIMMSTE überhaupt. Und wieso soll ich mich selber quälen in der heutigen multimedialen Zeit? Wenn ich doch so leicht mit netten Menschen kommunizieren kann?
Jedenfalls hat diese Freundin auch noch gemeint, dass es Borderline sein könnte... Wer meine restlichen Artikel gelesen hat, kann sich vorstellen, wie diese "Diagnose" auf mich wirkt. Wie unprofessionell ist das denn? Jemandem so etwas an den Kopf knallen, ohne Vorwissen, ohne eine fachspezifische Ausbildung, per Chat und denjenigen damit dann alleine lassen mit dem Satz "getroffene Hunde bellen"... Ich bin ausgerastet, hatte einen Heulkrampf und danach eine Stinkwut auf alles.
Was mir aber klar wurde, war, dass ich mich durch diesen Ausbruch und ein späteres Telefonat, in dem ich mich bei einer anderen Freundin über dieses Verhalten ausgekotzt habe, selbst verteidigt habe. Mir also einen Selbstwert beigemessen habe. Sicherlich ist das noch keine professionelle Lösung, aber ich fühle mich nicht in der Position des Opfers, wenn ich wütend bin.
Tja... Das war der gestrige Tag. Heute wird nochmal hart. Ich habe extra gestern abend schon die Tablette genommen, damit meine komischen Nebenwirkungen mich nicht tagsüber blockieren, allerdings fiel mein Schlaf nicht so erholsam aus. Das ist sicherlich acuh ein Problem... Der schlechte Schlaf zur Zeit, aber ich möchte in keinem Fall Schlafmittel nehmen.
Heute ist ein recht stabiler Tag bisher. Zwar merke ich Schwankungen, aber sie halten sich in Grenzen. Ich werde heute Abend jemandem begegnen, der in mir krasse Gefühle auslösen könnte. Ich weiß aber, dass in derselben Situation Menschen sind, die von meinem Tief und dieser Person wissen und mich halten. Gottseidank.
Ich habe bei 3 Therapeuten nun Kennenlerntermine ausgemacht. Allerdings erst nächsten Monat... Ich denke, ihr wisst, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der dann auch noch einen Platz frei hat. Ich werde auch bei einem Neurologen meine Hirnfunktionen testen lassen und bei einem Gynäkologen checken, was mein Hormonhaushalt sagt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei mir ein somatisches Problem vorliegt.
Ich bin sehr gespannt, was der heutige Tag noch so bringt... Ironie aus, bis dann.